Wohnen für alle — wie in Meldorf ein inklusives Wohnprojekt in Holzbauweise entsteht
Ein Gespräch mit Ferdinand Borchmann-Welle, TING Projekte
Was passiert mit meinem Kind, wenn ich nicht mehr da bin? Diese Frage stellen sich viele Eltern von Menschen mit Behinderung. In Meldorf haben zwei Familien daraus ein konkretes Projekt gemacht — zusammen mit dem Projektentwickler TING Projekte und der Stiftung Mensch.
Vom Altenheim zur Genossenschaft
Ferdinand Borchmann-Welle hat ein Altenheim geleitet, bevor er 2012 TING Projekte gründete. Die Erfahrung hat ihn geprägt: „Das ganz große Thema ist immer wieder: Wie leben die Menschen miteinander? Wie wohnen sie miteinander?" Seine Antwort waren Mehrgenerationenhäuser — als private Wohngenossenschaften, barrierefrei, auch in Holzbauweise.
Das Modell hat einen entscheidenden Vorteil: In einer Genossenschaft gibt es keinen Vermieter im klassischen Sinne, keine Eigenbedarfsklagen. Die Bewohner sind Mitglieder, sie verwalten sich selbst und gestalten ihr Zusammenleben gemeinsam. „Es ist wirklich so: Die Leute wohnen da und bestimmen gemeinsam, was da passiert", sagt Borchmann-Welle.
Seit der Gründung hat TING an 24 Standorten in Schleswig-Holstein 569 Wohnungen realisiert- in Niedersachsen und Hessen entstehen derzeit weitere 215 Wohnungen für privaten Wohngenossenschaften.
Die „Neue Gärtnerei eG": 21 Wohnungen für Menschen mit Behinderung
Dass TING schwellenfrei baut — also ohne Absätze beim Übergang auf den Balkon oder zur Haustür — hatte von Anfang an dazu geführt, dass Menschen mit Rollstuhl in den Projekten wohnten. Der Schritt zu einem gezielt inklusiven Projekt kam trotzdem erst durch einen konkreten Anstoß von außen.
Bei einem früheren Projekt in St. Michaelisdonn schlug die Stiftung Mensch erstmals vor, sechs Wohnungen gezielt für Menschen mit Behinderung einzuplanen. Der Kontakt war hergestellt. Dann kamen zwei Elternpaare, die sich an die Stiftung wandten — mit einer einfachen, aber drängenden Frage: Können wir sicherstellen, dass unsere Kinder gut wohnen, auch wenn wir nicht mehr da sind?
„Die haben eben gesagt: Wir wollen mehr als sonst üblich dafür sorgen, dass unsere Kinder gut wohnen, gut leben", erinnert sich Borchmann-Welle. Aus diesem Impuls entstand die „Neue Gärtnerei eG" in Meldorf: ein Apartmenthaus mit 21 Wohnungen, ausschließlich für Menschen mit Behinderung, getragen von einer eigenen Genossenschaft.
Zwei Förderprogramme, ein Ziel
Schnell wurde klar: Die soziale Wohnraumförderung allein reicht nicht. Das Projekt hat besondere bauliche Anforderungen — sieben rollstuhlgerechte Wohnungen, Automatiktüren im Eingangsbereich, individuell angepasste Küchen, zwei große Gemeinschaftsräume pro Stockwerk für Betreuung und gemeinsames Kochen. Dafür sind die Kostenhöchstgrenzen der sozialen Wohnraumförderung zu eng.
TING wurde kreativ und kombinierte zwei Programme: die soziale Wohnraumförderung und „Wohnen Plus", ein Förderprogramm für altersgerechtes und pflegerisches Wohnen. Dazu kam das KfW-Programm 134 für Genossenschaftseinlagen, mit dem auch Menschen mit Wohnberechtigungsschein das nötige Eigenkapital aufbringen können.
„Wir haben uns mit dem Innenministerium und der Förderbank ausgetauscht, weil wir gesehen haben, dass ein Programm allein nicht ausreicht", sagt Borchmann-Welle. „Man stand an unserer Seite und hat nach Lösungen gesucht — die wir auch gefunden haben."
Kosten runter, Qualität halten
Ein weiteres Problem: Der erste Architektenentwurf lag weit über dem Budget. Borchmann-Welle wandte sich an die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE) und bat um eine realistische Einschätzung. Das Ergebnis: ein gutes Drittel weniger als ursprünglich geplant. Der Architekt wurde gewechselt, die Planung gemeinsam mit dem Holzbauunternehmen Schütt aus Schleswig-Holstein neu aufgesetzt.
Holzbauweise war von Anfang an gesetzt — nicht aus ästhetischen Gründen, sondern aus praktischen: „Was allergische Erkrankungen angeht, ist Holz einfach der beste Baustoff." Dass Holzbau teurer ist als mineralische Bauweisen, war allen Beteiligten bewusst. Aber in der realistisch kalkulierten Größenordnung war es machbar.
Eltern als Mitgestalter
Was das Projekt von vielen anderen unterscheidet: Die Eltern waren keine Zuschauer, sondern aktive Mitgestalter. Über zwei Jahre hinweg saßen sie mit am Tisch - bei der Planung, der Finanzierung, den baulichen Entscheidungen.
„Dieser mitgestaltete Prozess war schon klasse", sagt Borchmann-Welle. „Dass Eltern Entscheidungen mittreffen können, dass das nicht nur von staatlicher Seite passiert — das ist grundsätzlich schon eine ganz andere Nummer."
Auch die zukünftigen Bewohner wurden früh eingebunden. Im Januar 2026 gab es ein „Begehungsfest" — kein klassisches Richtfest, sondern eine gemeinsame Begehung des Rohbaus mit allen Beteiligten. „Vor allen Dingen die zukünftigen Bewohner haben darüber auch schon einfach so einen Kontakt zu ihrer Wohnung gekriegt, eine echtere Vorstellung von dem, was nachher da ist."
Vorbereitung auf das Zusammenleben
Parallel zur Bauphase bereitet die Stiftung Mensch die künftigen Bewohner in einem „Wohncampus" auf das gemeinsame Wohnen vor. Das ist ein Konzept, das TING auch in seinen regulären Genossenschaften nutzt: wertschätzendes Verhalten auffrischen, gemeinsame Konfliktlösung üben — „streiten, aber auf einer wertschätzenden Ebene", wie Borchmann-Welle es formuliert.
Im Mai 2026 soll das Haus fertig sein. Dann wählen die Mitglieder ihren eigenen Vorstand, der bisherige „Bauvorstand" von TING tritt ab. Die Stiftung Mensch bleibt als Genossenschaftsmitglied und übernimmt die Verwaltung.
Was er heute anders machen würde
Borchmann-Welle ist selbstkritisch: Die baulichen Anforderungen für verschiedene Formen von Behinderung hätte er noch gründlicher durchleuchten wollen. "Die Ausprägungen von Behinderung sind so unterschiedlich — da haben wir manches erst im laufenden Prozess erfahren, was vorher nicht absehbar war."
Gleichzeitig betont er, wie unterstützend die öffentliche Seite war: „In den Verwaltungen, in der Förderbank, im Innenministerium — da haben wir keine Hemmnisse gehabt."
Sein Rat an andere, die ein ähnliches Projekt starten wollen? „Man muss es manchmal einfach machen. Zwei, drei Mal- dann ziehen die Leute mit."
Ein Projekt, das Schule machen sollte
Die „Neue Gärtnerei eG" ist ein Leuchtturmprojekt — nicht wegen spektakulärer Architektur, sondern wegen der Art, wie es entstanden ist. Eine Elterninitiative, ein pragmatischer Projektentwickler, eine engagierte Stiftung und eine öffentliche Förderstruktur, die mitgezogen hat.
Borchmann-Welle hat das Projekt 2025 bei den Poster-Pitches auf der CONBAU Nord in Neumünster vorgestellt. Zehn Minuten waren knapp für ein Vorhaben dieser Tragweite — aber der Austausch danach hat gezeigt, dass das Interesse da ist.
Für 2026 steht die Einladung: mehr Zeit, mehr Tiefe, mehr Raum für Fragen. Denn Projekte wie diese brauchen Sichtbarkeit, damit aus Einzelfällen irgendwann Standard wird.
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Die CONBAU Nord 2026 findet am 9. und 10. September in Neumünster statt. Tickets zum Frühbucherpreis gibt es bis zum 15. April 2026
CONBAU Nord 2026