INTERVIEW: „Transformation braucht Haltung" – Ein Gespräch mit Tina Teucher
Warum Perspektivwechsel, Pragmatismus und Mut zum Wandel entscheidend für die Bauwende sind.
Moderatorin, Nachhaltigkeitsexpertin und Transformationslotsin: Tina Teucher ist auch 2025 wieder Teil der CONBAU Nord – nicht nur als professionelle Gesprächsleiterin, sondern als kraftvolle Stimme für zukunftsfähiges Bauen. In diesem Interview spricht sie über Kreislaufprinzipien, Umbaukultur, soziale Verantwortung und die Kunst, komplexe Themen greifbar zu machen.
Ein starkes Gespräch, das zeigt: Die Bauwende ist kein Expert:innenprojekt – sie ist ein Gemeinschaftsprojekt. Und die CONBAU Nord liefert dafür den Raum.
2. Sie engagieren sich seit vielen Jahren für nachhaltiges Wirtschaften und zukunftsfähige Innovationen – auch im Bausektor. Wo sehen Sie aktuell die größten Hebel für eine echte Bauwende?
Das heißt auch: Umbau vor Neubau prüfen, Rückbau wertschätzen und die Rückbauplanung (wie bisher die Neubauplanung) aufwerten. Aber auch soziale Aspekte bringen die Bauwende: bedürfnisorientiert am heute, flexibel für’s Morgen. Also nicht an den Nutzer*innen vorbei planen, sondern partizipativ. Und nicht für die Ewigkeit bauen, sondern modular veränderbar. Denn wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass heute der Großteil der arbeitenden Bevölkerung vor Computern sitzt? Oder dass wir als alternde Gesellschaft viel mehr Barrierefreiheit brauchen? Leichten Umbau als Möglichkeiten offen zu halten, ist relevant in Zeiten beschleunigter Veränderung.
Und: Klimavorausschauend bauend. Nicht in einzelnen Objekten, sondern im Kontext der Umgebung: Wie kann mein Gebäude(-komplex) dazu beitragen, Hitze-Inseln zu vermeiden, Überschwemmungen zu verhindern, eine Schwammstadt zu bilden, sich lebenswert anzufühlen?
Bestimmte Elemente wie Begrünung, Solar-Energie und Wassermanagement sollten standardmäßig mitgedacht und eingeplant werden. Das alles muss in die Lehrpläne der Auszubildenden und Studierenden, die noch viel zu sehr alten Mustern folgen. Ihr Umsetzungswissen zu stärken sehe ich als elementar für die Zukunft des Bauens.
3. In Ihrer Rolle als Moderatorin gestalten Sie nicht nur Gesprächsverläufe, sondern auch den Rahmen für Begegnung und Perspektivwechsel. Was macht für Sie eine gute Moderation auf einem Fachkongress wie der CONBAU Nord aus?
Tina Teucher: Ich sage gern: Eine gute Moderation ist wie eine Safari. Die Hauptpersonen fühlen sich in ihrer Umgebung pudelwohl. Die Reiseleitung gibt Orientierung und stellt Zusammenhänge her. Und das Publikum erlebt spannende neue Perspektiven und hat am Ende das Gefühl: „Ich war mittendrin, statt nur dabei!“.
Bei der CONBAU Nord geht es darum, verschiedene Perspektiven sichtbar zu machen, Neuigkeiten aus Forschung, Praxis und Regulatorik austauschen und Themen lösungsorientiert zu diskutieren. Diese Lösungsorientierung ist mir wichtig, denn: Es mangelt uns nicht an Problembewusstsein. Sondern am Mut, aus Polykrisen auch Polylösungen zu entwickeln. Doch das kann keiner allein, sondern ist ein Gemeinschaftsprojekt. Diesen Spirit – die Lust aufs Zukunftgestalten – können wir bei der CONBAU Nord entfachen und darüber hinaus in die Arbeit jedes Einzelnen tragen.
4. Der Kongress lebt von seiner Interdisziplinarität – vom Baustoffhandel bis zur Stadtentwicklung, von Wissenschaft bis Handwerk. Wie gelingt es, hier einen konstruktiven Austausch zu schaffen, bei dem alle voneinander lernen können?
Tina Teucher: Schon allein den Raum für diese Begegnung zu schaffen, entfaltet Potenzial. Wichtig ist eine Atmosphäre des Zuhörens, tieferen Verstehenwollens, und auch der Bereitschaft, selbst zu teilen: Was funktioniert bei uns, was nicht, und warum?
Je weniger wir abstrakt und oberflächlich bleiben, je konkreter und konstruktiver wir erzählen und zuhören, desto mehr Erkenntnis und Handlungswissen nimmt jeder Einzelne von einer solchen Veranstaltung mit. In dieser Haltung lade ich alle auf den Bühnen und im Publikum ein, sich auf das gemeinsame Event einzulassen.
5. Themen wie zirkuläres Bauen, Wärmewende oder soziale Nachhaltigkeit sind komplex. Welche Fragen oder Spannungsfelder tauchen dabei in den Diskussionen immer wieder auf – und wie gehen Sie als Moderatorin damit um?
Tina Teucher: Ähnlich wie in anderen Branchen auch, steht die nachhaltige Transformation in der Baubranche vor der Frage: Altes hat sich doch lang bewährt, viele Menschen verdienten und verdienen damit ihr Geld, warum etwas ändern und damit riskieren, dass sich das ändert? Hinzu kommt beim Bau, dass die Innovationszyklen langsamer sind – Produkte wie „ein Haus“ werden für mindestens mehrere Jahrzehnte entwickelt, nicht wie Handys für ein bis zwei Jahre. Entsprechend hoch sind die Investitionskosten – und wer einmal investiert hat, möchte, dass die Kuh möglichst lange Milch gibt. So ergeben sich sogenannte Login-Effekte, die im Spannungsfeld stehen zur Notwendigkeit von Innovationen für drängende Themen wie Klimaschutz oder altersgerechtes Bauen.
Die „Wahrheit“ über Kosten und Nutzen von Investitionen wird verschieden erarbeitet: Rechne ich ökologische und soziale Folgekosten zum Beispiel von Baumaterialien mit ein oder nicht? Volkswirtschaftlich – also für die gesamte Gesellschaft – wäre das dringend nötig. Betriebswirtschaftlich erscheint es aber oft unnötig aufwändig und unattraktiv. Steigt die Nachfrage für nachhaltige Lösungen, fühlen sich Anbieter teils verführt, vorteilhafte Aussagen über ihre Produkte und Leistungen zu machen, sie also grün zu waschen. Wie solches Greenwashing verhindert werden kann, ist eine Frage, die mir immer wieder begegnet.
Außerdem laufen neue Märkte oder Produkte oft noch nicht „rund“ und werden dann von etablierten Akteuren grundsätzlich kritisiert und infrage gestellt. Was aus der Mobilität im Kampf Elektroauto versus Verbrenner bekannt ist, gibt es auch beim Bauen. Wenn zum Beispiel die Kreisläufe für Baustoffe noch nicht regional geschlossen werden können, kommt es womöglich zu „Zirkularitätstourismus“: Steine, die schon einmal ein Leben in einem Haus in München hatten, fahren dann extra nach Hamburg, um dort wieder verbaut zu werden. Regional ist das dann nicht mehr.
Ganzheitliches planen und ausführen versucht solche Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen und aufzulösen.
6. Als Sustainable Matchmaker haben Sie viele Projekte und Akteure im Blick. Welche positiven Entwicklungen beobachten Sie aktuell in der Bau- und Immobilienbranche?
Tina Teucher: Viele einstige Leuchtturmprojekte sind inzwischen in Serie gegangen. Bestimmte Supermärkte bauen zum Beispiel Neubauten inzwischen standardmäßig im nachhaltigeren Holzbau. Auch sind Zertifizierungen wie die der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) inzwischen für immer mehr Bauherren selbstverständliche Anforderung.
Studierende fordern Bestandserneuerung, Umbau und Rückbau statt nur Neubau für ihre Lehrpläne ein und organisieren notfalls selbst Ringvorlesungen dafür. Alte Baustoffe wie Holz, Lehm und Stroh erfahren eine Rehabilitation. Verdichtung statt Bauen auf der grünen Wiese wird von Städten priorisiert, und von Planern und Bauakteuren kreativ und mit Fokus auf eine lebenswerte Umgebung umgesetzt. Digitalisierung und Automatisierung ermöglichen immer besseres serielles Bauen in hoher Qualität, um den hohen Bedarf an Wohnungen zu decken.
Bei einigen Unternehmen ist das Thema Nachhaltigkeit zwar vorübergehend hinter andere Themen in der Prio-Liste gerückt, aber keineswegs ganz vom Tisch. Einfach weil Entscheiderinnen verstanden haben, dass es um Einsparungen, Schutz vor Risiken, Stakeholder-Zufriedenheit und langfristige Resilienz geht. Bei allen weltpolitischen Umwälzungen, derer wir derzeit Zeugen werden, kann man außerdem auch einmal dankbar feststellen, dass wir trotz vorzeitiger Neuwahlen immer noch ein eigenes Bauministerium haben.
7. Und abschließend: Warum lohnt sich der Besuch der CONBAU Nord – gerade für Menschen, die nachhaltiges Bauen aktiv mitgestalten wollen?
Tina Teucher: Transformation kommt, ob man will oder nicht. Aber sie lässt sich aktiv mitgestalten – und dazu braucht es Verbündete, Sparringpartner und auch den Austausch mit Menschen, die die eigene Perspektive vielleicht hinterfragen.
Dafür bietet die CONBAU Nord eine wunderbare Möglichkeit – gerade, weil es dieses Jahr sogar noch interaktiver wird und die Themenvielfalt und Thementiefe einmalig sind.
CONBAU Nord 2026