INTERVIEW: Prof. Philipp Krebs: Wohnraum neu denken - Demografie, Arbeit und nachhaltige Stadtentwicklung

Prof. Krebs

Wie beeinflussen demografischer Wandel, Migration, Klimakrise und die Transformation der Arbeitswelt unser Wohnen von morgen? Prof. Philipp Krebs gibt im Interview Einblicke in neue Wohnformen, Chancen für Architektur und Stadtplanung sowie die Rolle gemeinschaftlicher Modelle für eine nachhaltige Zukunft.

 

Herr Prof. Krebs, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit energieeffizientem Bauen, Entwerfen und Stadtplanung. Welche Entwicklungen sehen Sie aktuell als die entscheidenden Treiber für die Zukunft des Wohnens?

Entwicklungen wie der fortschreitende demografische Wandel der (europäischen) Gesellschaft, erhebliche weltweite Migrationsbewegungen, die zunehmende Knappheit an Ressourcen und ein nur eingeschränkt aufzuhaltender Klimawandel werden die Zukunft des Wohnens wesentlich beeinflussen. Ein weiterer Treiber für grundlegende Veränderungen der typologischen und räumlich-sozialen Ausprägungen des Wohnens wird die Veränderung eines Phänomens sein, das wir heute im allgemeinen „Arbeit“ nennen. Unsere Vorstellung ist oft davon geprägt, dass das Wohnen als Komplementär zur Arbeitswelt einen geschützten Rahmen für die Regeneration zu bieten hat. Wenn sich jedoch der klassische Arbeitsplatz in der Industrie, in Dienstleistung und Verwaltung zunehmend auflösen wird, verändern sich Ansprüche und Anforderungen an den Ort und das räumlich-funktionale Gefüge des Wohnens:  von einem Ort der Reproduktion hin zum Möglichkeitsraum für Produktion – Produktion in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht.

Der Wandel der Arbeitswelt birgt Chancen für die Entwicklung dessen, was wir heute „das Wohnen“ nennen. Viele bisher noch als Büro genutzte Gebäude werden in der nächsten Dekade umgebaut und damit neuen Nutzungen zugeführt. Da sind wir als gestaltende Architektinnen und Architekten zusammen mit der Politik und Stadtplanung gefragt.

 

Die Session „Wohnwelten 2042“ blickt weit in die Zukunft. Wenn Sie ein Bild zeichnen müssten: Wie werden wir Ihrer Meinung nach in knapp 20 Jahren wohnen und leben?

Wir werden als Gesellschaft im Laufe der fortschreitenden Krisen erkennen, dass das Wohnen ein elementares Grundbedürfnis und Menschreicht ist – wie sauberes Trinkwasser, das wir, wie in meiner Heimatstadt Kassel, durch die Kommunen dauerhaft sichern und als öffentliches Gut verstehen wollen. Die Versorgung aller Menschen in unserer Gesellschaft mit Wohnraum wird - wenn ich einen positiven Blick in die Zukunft wage - zukünftig weniger durch kommerzielle Interessen getrieben als vielmehr durch passgenaue Planungsinstrumente zur Sicherung einer gerechten Verteilung mit bezahlbarem und angemessenem qualitätsvollem Wohnraum gesteuert werden. Hierfür bedarf es einer selbstbewussten und mutigen Politik mit einer Gestaltungsidee über einen längeren Zeitraum. In Wien ist dies vor 100 Jahren angesichts einer heftigen Wohnungsbaukrise mit einem umfassenden Wohnungsbauprogramm finanziert durch die Wohnbausteuer vorgemacht worden.

Wir werden in knapp 20 Jahren zunehmend in genossenschaftlich bewirtschafteten Häusern wohnen. Nicht nur im Neubau, sondern oft in umgebauten Büro- und Gewerbegebäuden. Hier werden wir einen räumlich-funktionalen Rahmen finden, um vielfältige Netzwerke zur sozialen und wirtschaftlichen Produktion aufbauen, pflegen und unterhalten zu können. Wir werden häufiger Räume mit anderen teilen, als dies heute der Fall ist. Davon werden wir als Individuen und als Gesellschaft profitieren.

 

Demografie und Wohnwandel sind zentrale Themenstränge der CONBAU Nord. Welche Anforderungen ergeben sich daraus für Architektur und Stadtplanung – sowohl auf Quartiers- als auch auf Gebäudeebene?

Um unserer Städte als lebenswerte Orte für Wohnen, Arbeiten, Bildung, Kultur, lebendigen Austausch und produktiven Streit zu erhalten und zu bewahren, sind jetzt neben der Politik die Profis aus den Handlungsfeldern Stadtplanung, Städtebau und Architektur gefragt. Es gilt heute bestehende und neue Quartiere und Gebäude konsequent krisenresilient zu planen und zu gestalten. Der demografische Wandel führt dazu, dass die vulnerable Gruppe bei Hitze in der Stadt größer und die Sterblichkeit durch Hitze ansteigen wird. Klimaresiliente Architektur und Freiraumplanung werden hier wirksam und führen dazu, dass sicher der Grad der Versiegelung verringert, dass die Oberflächen von versiegelten Flächen und Fassaden durchgängig hell gestaltet werden, dass schlicht und einfach sehr viele schattenspende Bäume gepflanzt werden. Die Umsetzung der Prinzipien der „Schwammstadt“ wird helfen, heftige Wetterereignissen zu bewältigen und die Ressource Wasser sinnvoll vor Ort zu nutzen.

Eine grundlegende Anforderung an Planende und Gestaltende ist es, den räumlichen und funktionalen Rahmen im Gebäude und im Quartier für den Erhalt, die Entstehung und Konsolidierung von überschaubaren Nachbarschaften zu schaffen. Dann können sich Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkunft im Kontext von Wohnen, Arbeiten, Bildung und Kultur vernetzen, sich solidarisch unterschützen und voneinander lernen. Neben einem fein abgestimmten System öffentlich, gemeinschaftlich und privat genutzter (Frei-)Räume bedarf es einen Mind Shift innerhalb der Zivilgesellschaft im städtischen, im peripheren sowie im ländlichen Kontext. Die eingefahrene Sichtweise und Erwartungshaltung, dass die Kommune, das Land und Staat eine rundum Versorgung zu leisten haben, muss im Sinne der kommunalen Intelligenz (Gerald Hüther 2013) von einer Haltung und Befähigung zur individuellen und solidarischen Selbstwirksamkeit abgelöst werden.

 

Energieeffizienz und Nachhaltigkeit sind längst keine „Zusatzoptionen“ mehr, sondern Grundvoraussetzungen. Wie lassen sich diese Aspekte im Entwurf mit hoher gestalterischer Qualität und bezahlbarem Wohnen vereinen?

Das energieeffiziente und nachhaltige Bauen und Umbauen können wir mit den Mitteln der Architektur umsetzen: die Wand, das Fenster, der Boden, die Decke, das Dach, ... architektonische Elemente und Bauteile in ihrer Materialität, ihren Dimensionen und Ausformungen, den Fügungen und schließlich der Komposition. Das ist das Handlungsfeld der Architektur. Dafür sind wir verantwortlich. Es kann nicht darum gehen, die Effizienz unserer Häuser allein mit mehr Gebäudetechnik oder neuen Hightech-Materialien zu steigern. Es wird nicht gelingen, die dringend notwendige Transformation des Planens und Bauens mit ausschließlich technischen Lösungen zu meistern. Zu den bekannten räumlichen, konstruktiven und technischen Konzepten der Energieeffizienz kommen Handlungsfelder der Beurteilung von Konsistenz und des Lebenszyklus von Baustoffen, der Wiederverwendung von Bauteilen sowie Konzepte der Suffizienz hinzu. Also Entwürfe und Konstruktionen, welche durch Fragen nach der Angemessenheit und dem Hinterfragen Standards bestimmt sind.

Da sind wir bei der Verknüpfung von gestalterischer Qualität und bezahlbarem Wohnraum. Wenn durch gute Architektur in der Umnutzung oder im Neubau Wohnungen entsteht, die pro Person wenig Fläche beanspruchen, die das Arbeiten und Wohnen ermöglichen und so in einen nachbarschaftlichen Kontext integriert sind, dass z.B. ein zusätzliches Gäste- / Joker-Zimmer verfügbar ist, dann sind diese Räume aufgrund der geringen Fläche pro Kopf nicht nur nachhaltig genutzt, sondern auch wirtschaftlich. Wenn eine Fassade durch auskragende Laubengänge / Balkone architektonisch gegliedert und gestaltet wird, ist dies eine robuste Lösung für einen dauerhaften sommerlichen Wärmeschutz und zusätzlich – bei angemessener Dimension und guter Gestaltung – ein sozialräumliches Plus für die Bewohnenden.

 

Ihr Büro foundation 5+ architekten arbeitet seit vielen Jahren an innovativen Projekten. Gibt es ein Projekt, das für Sie besonders beispielhaft zeigt, wie sich Wohnen, Effizienz und Stadtentwicklung zukunftsfähig verbinden lassen?

Das Projekt Martini-Quartier in Kassel zeigt, wie sich die Themen nachhaltige Stadtentwicklung, neue und bezahlbare Formen des Zusammenlebens in der Stadt mit einer lebendigen, offenen Architektur verknüpfen lassen, die einen Gestaltungsrahmen für vielfältige Aneignungen schafft. Die rund 1,5 ha große Fläche der ehemaligen Martini-Brauerei wurde zu einem neuen Stadtbaustein im Kasseler Vorderen Westen entwickelt. Die Konversion des Industrieareals zielt auf die Schaffung eines Quartiers mit kleinteiliger Nutzungsmischung, unterschiedlichen Wohnangeboten und sozialer Vielfalt. Umgesetzt wurden einzelne Bausteine mit Gewerbe- und Wohnnutzungen mit Genossenschaften, privaten Baugemeinschaften, sozialen Träger mit Wohnraum für Menschen mit Behinderung und lokalen Investoren. Die Qualitätssicherung der Umsetzung einzelner Baufelder erfolgte auf der Grundlage von Konzept-Vergaben.

Als einer der letzten Bausteine im Martini-Quartier wurde das fünfgeschossiges Wohnhaus U10 als innovativer Holzmassivbau 2024 fertiggestellt. Durch die drei Nachhaltigkeitsstrategien reduce – reuse – recycle entstand ein suffizientes, ressourcenschonendes Gebäude zum gemeinschaftlichen Wohnen. Durch eine reduzierte Kubatur, die Massivholzkonstruktion mit wirtschaftlichen Spannweiten, Low-Tech-Haustechnik mit nur einem zentralem Erschließungsstrang konnte kostengünstiger Mietwohnraum entstehen. Die Grundrissstruktur, welche eine flexible Aufteilung in mehrere Wohnbereiche ermöglicht, reduziert die Wohnfläche pro Kopf und ist ein wesentlicher Schlüssel für ein nachhaltiges Architekturkonzept und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Gemeinschaftliche Nutzungen wie Abstellräume, Waschmaschinenraum, Gästezimmer, Werkstatt, Dachterrasse, Garten sowie Carsharing sind wichtige Bausteine des Suffizienz-Strategie.

Solarthermie und Regenwasseranlage unterstützen das nachhaltige Gebäudekonzept in der technischen Ausstattung. Weiterhin kommen gebrauchte (Innentüren, Heizkörper, Sanitärobjekte, Balkongeländer) und fehlproduzierte Bauteile wie Holzfenster und Fassadenplatten zum Einsatz. Auch Abbruchmaterialien wie Klinker, Wellblech, Schieferplatten sowie Restbestände von Fliesen und Betonplatten wurden verbaut. Die Planung wurde flexibel angelegt und in der Ausführungsphase entsprechend angepasst. Alle eingesetzten Materialien und Verbindungen sind rückbaubar und recyclingfähig.

 

Die CONBAU Nord versteht sich als interdisziplinäre Plattform. Wo sehen Sie die größten Chancen, wenn Architekten, Wohnungswirtschaft, Politik und Forschung enger zusammenarbeiten?

Eine der Chancen der Zusammenarbeit ist es, dass die entscheidenden Akteure als Planungs- und Bauteam wirken und gemeinsam die dringend notwendige Transformation im Planen und Bauen angehen. Wir haben an der Fachhochschule Erfurt im Lehrgebiet Entwerfen und energieeffizientes Bauen im Wintersemester 2024/25 ein Projektstudio mit 16 Masterstudierenden zum Thema Wohnungsbau „Einfach bauen mit großformatigen Lehmsteinen“ durchgeführt. Das Besondere an diesem Studienprojekt war der intensive Forschungs- und Praxisbezug.

Durch die Kooperation mit der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft aus Erfurt, gab es ein konkretes Grundstück und für die Rolle der Auftraggeberin im Projekt. Die Zusammenarbeit mit der Firma ConClay aus Wabern / Erfurt hat es ermöglicht, dass die Studierenden Input aus der Entwicklungs- und Forschungsabteilung erhielten und durch Labor- und Werksbesichtigungen wirklich auf Tuchfühlung mit dem besonderen Material, seinen Eigenschaften, den Anforderungen, der Logistik der Umsetzung etc. gehen konnten. Die Kooperation mit der TUM, Lehrstuhl Prof. Florian Nagler und dem Forschungsprojekt „Einfach Bauen“ Dr. Tilmann Jarmer ermöglichte zudem ein für die Studierenden großartigen Austausch in die Handlungsfelder der Forschung und Entwicklung.

 

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Worauf freuen Sie sich bei der CONBAU Nord 2025 am meisten – und was möchten Sie den Teilnehmenden aus Ihrer Session mitgeben?

Ich freue mich spannende Ansätze kennenzulernen, Erfahrungsberichte und Diskussionen verfolgen zu dürfen. Vor allem freue ich mich, Kolleginnen und Kollegen zu treffen, die das gemeinsame Ziel der Transformation verfolgen und natürlich Netzwerke zu knüpfen, um gemeinsam wirksam zu werden.

Durch die Kooperation der unterschiedlichen Akteure aus der Architektur und dem Ingenieurwesen, der gemeinwohlorientieren Wohnungswirtschaft, der Politik und der Forschung kann und muss jetzt etwas bewegt werden. Wirkliche Zusammenarbeit heißt in diesem Sinne: ein offenes, gemeinsames Suchen und Prüfen von Konzepten, das iterative Optimieren der Ansätze, die gemeinsame Umsetzung und schließlich das Evaluieren von Projekten sowie die Weitergabe von Erkenntnissen. Dann entsteht ein Drive, den wir dringend benötigen, um mit Ingenieurs- und Baukunst die Transformation im Bauen, und damit auch im Handlungsfeld Wohnen, sozialverträglich und nachhaltig zu gestalten.

 

CONBAU Nord 2026