INTERVIEW: Prof. Dr. Frank Osterwald - "Wie wohnen wir morgen – und wie lassen sich heute die richtigen Weichen stellen?"

Prof. Dr.-Ing. Frank Osterwald
Welche Rolle spielen Technologie, Teilhabe und Kreislaufwirtschaft? Was kann Politik ermöglichen – und was muss die Baupraxis leisten?
In der Session "Wohnwelten 2042" auf der CONBAU Nord bringt Prof. Osterwald,Geschäftsführer der EKSH, diese Fragen gemeinsam mit Sandra Laffrenzen (EKSH), Prof. Markus Lager und Prof. Philipp Krebs auf die Bühne.

Dieses Interview ist ein Lesetipp für alle, die Transformation nicht nur diskutieren, sondern gestalten wollen.

1. Herr Prof. Osterwald, die EKSH hat mit „Wohnwelten Schleswig-Holstein 2042“ ein umfangreiches Zukunftsbild für das Wohnen in Schleswig-Holstein vorgelegt. Was war für Sie persönlich die zentrale Erkenntnis aus der Studie?
 
Prof. Osterwald: Die zentrale Erkenntnis war für mich: Der Blick in die Zukunft lohnt sich – gerade weil es nicht die eine Zukunft gibt, sondern mehrere mögliche. Die Studie zeigt anhand unterschiedlicher Projektionen auf, wie sich Wohnen und Bauen in Schleswig-Holstein bis 2042 entwickeln könnten. Die EKSH hat in einem interdisziplinären Prozess mit Fachleuten Schlüsselfaktoren identifiziert und mögliche Ausprägungen beschrieben. So entsteht ein Zukunftsbild – oder mehrere. Wer Einfluss auf die tatsächliche Entwicklung nehmen will, muss an den Schlüsselfaktoren ansetzen. Mit der Studie liefert die EKSH das methodische Rüstzeug für eine strategische Gestaltung der Zukunft.

2. Drei unterschiedliche Szenarien zeigen, wie verschieden sich das Wohnen entwickeln könnte – von verdichtet urban bis gemeinschaftlich oder hyperflexibel. Inwiefern spiegeln diese Szenarien auch aktuelle Trends wider, die Sie heute schon beobachten?
 
Prof. Osterwald: Ein Kern der Zukunftsarbeit ist das Erkennen heutiger sich andeutender Trends und ihrer möglichen Weiterentwicklung. Viele der Schlüsselfaktoren in der Studie – etwa der Wandel der Arbeitswelt oder die demografische Entwicklung – lassen sich schon heute beobachten. Die Kombination dieser Trends ergibt konsistente Zukunftsszenarien. Beispiel: Eine langsame digitale Transformation und anhaltende Arbeitsmigration sprechen für stärker verdichtete urbane Räume. Technologische Fortschritte – etwa bei High-Tech-Lösungen im Bauwesen – unterstützen solche Entwicklungen. Die Studie der EKSH hilft dabei, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen.

3. Der Studienbericht legt großen Wert auf die Rolle technologischer Innovationen – etwa 3D-Druck, modulare Bauweisen oder digitale Zwillinge. Welche dieser Technologien halten Sie für besonders einflussreich – und was braucht es für ihren breiten Einsatz?
 
Prof. Osterwald: Bei der EKSH ist seit diesem Jahr das Landeskompetenzzentrum Energiewendeforschung angesiedelt. Dort arbeiten wir mit Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen an Lösungen für morgen. Besonders relevante Innovationsfelder für das Bauen liegen in der Materialforschung, der Verfahrenstechnik und in der zunehmenden Digitalisierung – etwa durch KI. Entscheidend ist der Transfer: Erst wenn neue Technologien in der Praxis ankommen, entfalten sie Wirkung. Dafür braucht es Mut, Investitionen und Förderprogramme – hier unterstützt die EKSH mit Know-how und Zugang zu Fördermitteln.

4. Auch die soziale Komponente wird betont: Integration, Teilhabe, gemeinschaftliche Wohnformen. Wie kann eine zukünftige Wohnpolitik soziale und technologische Entwicklung wirksam miteinander verbinden?
 
Prof. Osterwald: Die EKSH hat die Wohnwelten gemeinsam mit Vertreter:innen Fachleuten aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft erarbeitet – und bringt diese seither in Wanderausstellungen und Dialogveranstaltungen in die Fläche. Wohnpolitik sollte diese Impulse aufnehmen, Räume für Teilhabe schaffen und eine Ermöglichungskultur fördern. Die Studie macht deutlich: „Wohnpolitik“ ist kein rein technisches Feld, sondern tief verknüpft mit Energie-, Klima- und Sozialpolitik. Orientierung bietet sie durch die identifizierten Schlüsselfaktoren – und durch die Einladung, Zukunft gemeinsam zu gestalten.

5. Die Wohnformen der Zukunft sollen klimafreundlich und kreislauforientiert sein. Wie groß ist aus Ihrer Sicht das Transformationspotenzial der Bauwirtschaft – und was sind die nächsten notwendigen Schritte in Richtung Zirkularität?
 
Prof. Osterwald: Das Potenzial ist groß. Während Recycling verbreitet ist, steckt die Wiederverwendung – etwa vorgefertigter Bauelemente – noch in den Anfängen. Die EKSH fördert aktuell ein Projekt zur Wiederverwendung von Betonbauteilen. Entscheidend ist eine intelligente Auswahl von Materialien – mit echtem Klimaeffekt. Dabei gilt es, auch Normen, Standards und Vorschriften weiterzuentwickeln. Die Bauwirtschaft kann hier – mit Unterstützung durch Forschung und Transfer – ein starker Hebel für Klimaschutz und Ressourcenschonung sein.

6. Die Studie spricht bewusst keine einheitliche Lösung aus, sondern zeigt Spannungsfelder auf. Wie gehen Sie mit dieser Ambivalenz um – und wie möchten Sie die Diskussion in Ihrer Session auf der CONBAU Nord gestalten?
 
Prof. Osterwald: Gerade weil es nicht die eine Antwort gibt, braucht es Dialog. Ziel unserer Session ist es, gemeinsame Schnittmengen zu entdecken und Zukunftsbilder zu konkretisieren. Die Stärke der EKSH-Studie liegt darin, Optionen sichtbar zu machen – und Lust auf Gestaltung zu wecken. Wir wollen Diskussionen dort weiterführen, wo die Studie bewusst offen bleibt.

7. Als Geschäftsführer der EKSH stehen Sie für angewandte Forschung, Klimaschutz und Innovation. Welche Rolle spielt die EKSH in der Begleitung solcher Zukunftsprozesse – auch über die Studie hinaus?
 
Prof. Osterwald: Die EKSH fördert ganzheitlich – von der Wissenschaft bis zur Kommune. Mit Programmen wie „Hochschule-Wirtschaft-Transfer“ oder Promotionsstipendien stärken wir Forschung mit Praxisbezug. Das Landeskompetenzzentrum Energiewendeforschung koordiniert strategische Forschung und hilft beim Einwerben von Fördermitteln. Über Projekte wie die „EnergieOlympiade“ fördern wir den kommunalen Austausch – und mit Bildungsarbeit sowie Zukunftsstudien schließen wir weitere Lücken. Die EKSH vernetzt und begleitet – quer durch alle Ebenen und Akteursgruppen.

8. Warum lohnt sich der Besuch der CONBAU Nord – gerade für alle, die sich mit den Wohnformen von morgen beschäftigen?
 
Prof. Osterwald: Weil hier die relevanten Akteur:innen Akteurinnen und Akteure zusammenkommen – aus Politik, Forschung, Bauwirtschaft und Zivilgesellschaft. Das Programm erlaubt individuelle Schwerpunktsetzungen, gleichzeitig bietet die CONBAU Nord viele Gelegenheiten zum Austausch. Wer mitdiskutieren will, wie wir 2042 wohnen, ist hier richtig – zum Beispiel in unserer Session „Wohnwelten 2042“.
 

CONBAU Nord 2026