INTERVIEW: Kornelia Ott - Grundrisse neu gedacht
Im Gespräch erläutert Frau Ott, Referentin im Referat Wohnungsbauflächen- und Projektentwicklung, Agentur für Baugemeinschaften in der Abteilung Wohnen der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen in Hamburg, die Hintergründe und Ergebnisse des Verfahrens. Sie spricht über flexible Wohnformen, die Potenziale von Cluster-Wohnungen und den Mut, alte Standards zu hinterfragen.
1. Frau Ott, Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema „Innovative Grundrisse“. Was war der Impuls für den Wettbewerb, den Sie in Hamburg initiiert haben?
Kornelia Ott: Derzeitige gesellschaftliche Veränderungen und Transformationsprozesse führen zu neuen Anforderungen an unseren Wohnraum. Befördert wird der Wandel insbesondere durch die Auflösung der strikten Trennung von Wohnen und Arbeiten, durch sich verändernde individuelle Lebensmodelle sowie den demografischen Wandel.
Neben den Überlegungen wie Wohnraum vor diesem Hintergrund zukünftig gestaltet werden kann, wurde mein Referat durch den Oberbaudirektor der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen in Hamburg gebeten, dass besonders junge Architekturbüros die Möglichkeit erhalten, sich an einem Wettbewerbsverfahren beteiligen zu können.
2. Welche übergeordneten Ziele verfolgt Hamburg mit der Förderung neuer Grundrisskonzepte im geförderten Wohnungsbau – vor allem im Hinblick auf demografische Veränderungen?
Kornelia Ott: Die Berücksichtigung der Bedarfe von Bewohner*innen in geförderten Wohnungen sind vielfältig. Der demographische Wandel stellt uns vor immer neue Herausforderungen, weshalb gerade die lebenslange Nutzbarkeit von Wohnraum durch eine Flexibilisierung von Wohngrundrissen ein Hauptaugenmerk des Verfahrens war. Die Bedarfe an den eigenen Wohnraum ändern sich im Laufe des Lebens. Dieses kann zum einen die Größe der Wohnung sowie Anzahl der Zimmer als auch die funktionalen Ansprüche an die Organisation der Wohnungsstruktur betreffen. Auf diese Anforderung haben die Entwürfe unterschiedlich reagiert. Auch dem Wunsch vieler Menschen, in einer Großstadt nicht immer allein zu sein, wollten wir mit den Ergebnissen entsprechen. Es sollten innovative Lösungen für die Organisation von gemeinschaftlichem Wohnen gefunden werden.
3. Gab es Ergebnisse oder Entwürfe aus dem Wettbewerb, die Sie persönlich besonders überzeugt oder überrascht haben?
Kornelia Ott: Mich haben besonders die vielen innovativen und unterschiedlichen Lösungen für die Organisation von Cluster-Wohnungen positiv überrascht, die zeigen welches Potenzial in dieser Wohnform liegt. Aus meiner Sicht Gerade können wir gerade durch gemeinschaftliches Wohnen auf die Herausforderungen einer immer älter werdenden Gesellschaft reagieren und auch die notwenige Wohnflächeneffizienz erhöhen. Die Reduzierung individuell nutzbarer Fläche zugunsten von Gemeinschaftsfläche zahlt nicht nur auf die Wohnflächeneffizienz ein, sondern kann zugleich einen Zugewinn an sozialem Miteinander befördern. Cluster-Wohnungen sind beispielsweise eine innovative Typologie, die das Zusammenleben in Gemeinschaft befördert und dabei gegen den Trend weniger Wohnfläche pro Kopf in Anspruch nimmt. Die Wettbewerbsergebnisse sollen dazu beitragen, dass zukünftig mehr dieser Wohnungen entstehen.
Auch die Arbeiten, die sich der Schaffung von nutzungsneutralen Räume gewidmet haben, konnten mich überzeugen. Das klare Bekenntnis auf Flure zu verzichten und damit die Art der Erschließung neu zu definieren, kann Wohnungen zukünftig ganz neu organisieren.
4. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen bei der Umsetzung innovativer Grundrisse in der kommunalen Praxis?
Kornelia Ott: Die Umsetzung der Ergebnisse erfordert Mut der Bauherr:innen, die mit der Umsetzung von neuen Wohnkonzepten auch neue Wege in der Vermietung gehen. Gerade die Umsetzung von Cluster-Wohnungen führt u.U. zu einem höheren Verwaltungsaufwand. Die BSW ist dabei neue Konzepte zu entwickeln, die Bauherr:innen dabei unterstützen sollen.
Im Vergleich der Bundesländer zeigt sich, dass die Regelungstiefe bei Grundrissanforderungen sehr unterschiedlich ist. Hamburg hat sich in der Vergangenheit für spezifische Anforderungen an Räume und Funktionen in Verbindung mit weit gefassten Ausnahmeregelungen entschieden. Festzustellen ist jedoch, dass die angebotenen Freiheitsgrade vermutlich aufgrund der Lenkungswirkung der Grundrissanforderungen und einem verfestigten Denken bei der Gestaltung der Grundrisse bisher kaum genutzt wurden. Deshalb und auch aus Gründen der Kosteneffizienz wurde von Senatorin Pein entschieden, in der Hamburger Wohnraumförderung ab 2025 auf alle Grundrissanforderungen, einzelne bauliche Anforderungen und Nachweispflichten zu verzichten. Die Wettbewerbsergebnisse haben uns darin bestätigt, diesen Weg einzuschlagen. Konkret bedeutet dies zum Beispiel den Verzicht auf Mindestgrößen und Nutzungstrennungen. Dies erleichtert die Planung multifunktionaler Räume und ich hoffe, dass die Ideen aus unserem Verfahren nun leichter angewendet werden können.
Der Ideenwettbewerb hat aber auch gezeigt, dass unsere Förderung schon heute die Entwicklung von innovativen Grundrisslösungen erlaubt.
5. Was möchten Sie den Teilnehmenden der CONBAU Nord 2025 mit auf den Weg geben – was braucht es, um zukunftsfähiges Wohnen konkret zu gestalten?
Kornelia Ott: Schon heute wissen wir, in jeder Wohnung gibt es einen Eingangsbereich, eine Küche, einen Essbereich, ein Wohnzimmer, ein Badezimmer sowie ein, zwei oder drei Individualräume. Es ist immer das Gleiche und doch ist jeder Grundriss verschieden. Daher geschehen Innovationen im Wohnungsbau nur in kleinen und kleinsten Schritten. Für die Umsetzung dieser kleinen Schritte, braucht es aber besonders bei den Bauherr:innen den Wunsch andere Wege zu gehen. Ich hoffe sehr, dass unser Ideenwettbewerb dafür eine Inspiration bietet.
In den letzten Wochen haben wir die Dokumentation zum Ideenwettbewerb Innovative Grundrisse fertiggestellt. Die Dokumentation lädt dazu ein, sich in die Grundrisse einzulesen und die Ergebnisse zu studieren. Wir freuen uns, wenn unser Verfahren zur Verbesserung von Grundrissqualitäten beitragen kann.
CONBAU Nord 2026