1. Herr Dr. Jarmer, der Titel Ihrer Session lautet „Anders Bauen – Einfacher Bauen“. Was bedeutet das konkret – und warum braucht es diesen Ansatz gerade jetzt?
Dr. Jarmer: Einfacher Bauen heißt für uns, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: langlebige Materialien, reduzierte Technik, klare Bauformen – ohne dabei auf Komfort oder Energieeffizienz zu verzichten. Gerade jetzt, in Zeiten von Ressourcenknappheit, steigenden Baukosten und wachsendem Fachkräftemangel, müssen wir uns fragen, wie wir qualitativ hochwertigen Wohnraum mit weniger Aufwand und höherer Robustheit schaffen können. Der bisherige Weg, mit immer mehr Technik auf immer komplexere Anforderungen zu reagieren, hat sich als teuer, fehleranfällig und schwer wartbar erwiesen. Deshalb: anders denken, einfacher bauen.
2. Was unterscheidet „Einfach Bauen“ von klassischen energieeffizienten oder technikgestützten Bauweisen?
Dr. Jarmer: Der zentrale Unterschied liegt im Systemansatz. Klassische energieeffiziente Konzepte setzen meist auf High-Tech-Lösungen – Wärmepumpen, Lüftungsanlagen, Steuerungssysteme. Einfach Bauen dagegen verfolgt einen Low-Tech-Ansatz: Wir nutzen die „graue Energie“ bewusst, reduzieren technische Systeme auf ein Minimum und setzen stattdessen auf bauphysikalisch wirksame Konstruktionen – etwa monolithische Wände mit hoher Speichermasse. Die Gebäude funktionieren durch ihre Bauweise, nicht durch ihre Haustechnik. Das bedeutet weniger Wartung, längere Lebenszyklen und oft auch niedrigere Kosten.
3. In den Forschungshäusern der TU München wurden verschiedene monolithische Bauweisen verglichen. Welche Erkenntnisse waren für Sie dabei besonders überraschend oder wegweisend?
Dr. Jarmer: Besonders aufschlussreich war, wie gut sich ein ganzheitlicher Low-Tech-Ansatz im Alltag bewährt. Die Messungen über mehrere Jahre zeigen: Die Häuser erreichen den Effizienzhausstandard 40 – ganz ohne Lüftungsanlage oder Wärmepumpe. Und das mit vergleichsweise einfachen Baustoffen wie Ziegel, Leichtbeton oder Stampfbeton. Überraschend war auch, wie positiv die Rückmeldungen der Nutzer:innen waren: Das Raumklima wurde durchweg als sehr angenehm empfunden – gerade weil auf eine komplexe Technik verzichtet wurde. Das bestätigt: Komfort entsteht nicht durch Geräte, sondern durch gute Architektur.
4. Was können Kommunen, Wohnungsunternehmen oder Bauherr:innen ganz konkret aus Ihrem Forschungsansatz ableiten – auch mit Blick auf Wirtschaftlichkeit und Umsetzbarkeit?
Dr. Jarmer: Sie können lernen, dass Reduktion eine strategische Qualität ist. Weniger Technik heißt nicht weniger Leistung, sondern weniger Risiko und langfristig geringere Betriebskosten. Unsere Forschung zeigt, dass man durch eine durchdachte Planung und geeignete Materialwahl bereits beim Neubau sparen kann – vor allem aber über den Lebenszyklus betrachtet. Für kommunale Bauträger und Wohnungsunternehmen bietet das eine echte Chance: robuste, wartungsarme Gebäude, die bezahlbaren Wohnraum schaffen und gleichzeitig nachhaltige Standards erfüllen.
5. Wie begegnen Sie dem Vorurteil, dass Low-Tech-Lösungen im Geschosswohnungsbau nicht praktikabel oder zu unkomfortabel seien?
Dr. Jarmer: Zunächst: Wir sollten nicht Technik mit Komfort gleichsetzen. Komfort entsteht durch gute Raumproportionen, natürliche Belichtung, thermische Trägheit – nicht durch möglichst viele Geräte. Die Forschungshäuser beweisen, dass auch im Geschosswohnungsbau Low-Tech funktioniert – wenn Planung, Materialwahl und Ausführung konsequent aufeinander abgestimmt sind. Und: Was als „unkomfortabel“ gilt, ist oft eine Frage der Gewohnheit. Wer zum Beispiel natürliche Fensterlüftung schätzt, wird das Fehlen einer zentralen Lüftungsanlage nicht als Mangel empfinden, sondern als Zugewinn an Autonomie.
6. Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht das Thema „Standard“ – also die Frage, was wir als „normal“ oder „richtig“ im Bauwesen betrachten – für die Transformation des Bauens?
Dr. Jarmer: Eine sehr große. Denn was wir als „normal“ betrachten – sei es der Technikstandard, der Grundriss oder die Materialwahl – bestimmt maßgeblich, was überhaupt gebaut wird. Wenn wir uns von übertechnisierten Standards lösen und stattdessen funktionale, einfache und klimabewusste Lösungen als neue Normalität definieren, kann sich viel bewegen. Dafür braucht es Mut zur Abweichung, aber auch Vorbilder und Demonstratoren. Unser Ziel ist es, zu zeigen: Ein anderer Standard ist möglich – und er ist realistisch, bezahlbar und zukunftsfähig.
7. Wenn Sie einem Bauunternehmen, einer Kommune oder einem Planungsbüro einen Impuls mitgeben dürften: Warum lohnt sich der Besuch Ihrer Session auf der CONBAU Nord?
Dr. Jarmer: Weil wir einen konkreten, getesteten Weg zeigen, wie sich die Komplexität im Bauwesen reduzieren lässt – ohne an Qualität zu verlieren. Die Besucher:innen erhalten Einblicke in gebaute Forschung und echte Erfahrungsberichte aus der Praxis. Wer sich fragt, wie Bauen in Zukunft einfacher, günstiger und nachhaltiger werden kann, wird hier inspirierende und handfeste Antworten finden. Einfach Bauen ist keine Vision – es ist eine Option, die bereits heute funktioniert.