INTERVIEW: Dr. Milan Daus: Zwischen Forschung und Baustelle – Warum jetzt der Transfer über das Tempo der Wärmewende entscheidet
Die Energiewende im Gebäudesektor ist längst in der Phase der Skalierung angekommen – doch zwischen Forschungsergebnis und Baustellenrealität klafft eine Lücke. Dr. Milan Daus, Koordinator Fokusfeld Gebäude und Wärme bei der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein (EKSH), arbeitet genau an dieser Schnittstelle. Im Gespräch erklärt er, warum der Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis die zentrale Herausforderung der nächsten Jahre ist – und welche Rolle Formate wie die Poster-Pitches dabei spielen. Daus moderiert das Format gemeinsam mit Katharina Nitsche auf der CONBAU Nord 2026.
Was hat die Poster-Pitch-Session 2025 aus eurer Sicht besonders ausgezeichnet?
Besonders beeindruckend war die Dichte an Realitätsnähe. Fachlich haben wir gesehen, dass Forschung nicht mehr im Elfenbeinturm stattfindet, sondern oft fast direkt an der Quartiersgrenze ansetzt. Methodisch hat der Fokus auf den Pitch – kurz, prägnant, wertorientiert – die Forschenden dazu gebracht, die Komplexität auf eine Kernfrage zu reduzieren: Was hat die Praxis am Ende davon?
Und es war kein Frontalunterricht. Die Poster dienten als visuelle Ankerpunkte, an denen echte Dialoge zwischen Unternehmen, kommunalen Stakeholdern und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entstanden sind.
Welche Themen haben gezeigt, wo wir bei Bau- und Wärmewende aktuell wirklich stehen?
Die Pitches haben klargestellt, dass wir die Phase der technischen Machbarkeit vielfach schon verlassen haben und uns mitten in der Phase der Skalierung und Bürokratieüberwindung befinden. Der Knackpunkt liegt aktuell an der Schnittstelle von Planung und rechtssicherer Umsetzung – für Eigentümer, Wohnungswirtschaft und in den Kommunen.
Projekte zur Wärmeplanung haben außerdem gezeigt, dass die Datenverfügbarkeit oft noch die größte Hürde ist. Hier entscheidet sich, wie schnell die Wärmewende auf die Straße kommt. Der Transformationsmonitor Schleswig-Holstein kann eine entscheidende Lücke füllen und dafür sorgen, dass das Thema schneller in die Umsetzung kommt, Synergien gehoben und Hemmnisse abgebaut werden.
Als EKSH begleitet ihr den Transfer von Wissen in Richtung Praxis sehr aktiv. Welche Rolle können Formate wie die Poster-Pitches dabei spielen?
Formate wie der Poster-Pitch fungieren als Übersetzer. Die EKSH sieht sich hier als Katalysator für den Transfer – und zwar in zwei Richtungen.
Zum einen durch frühzeitige Kopplung: Wenn Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter schon in der Forschungsphase eines Projekts Feedback geben – etwa: „Das passt nicht in unsere Satzung" –, spart das jahrelange Fehlentwicklungen. Zum anderen als Netzwerk-Beschleuniger: Wir schaffen einen geschützten Raum für noch unfertige Ideen, die genau diesen Praxisimpuls brauchen, um marktreif zu werden oder das Ziel der Klimaneutralität in Schleswig-Holstein bis 2040 unterstützen zu können.
Wenn ihr auf die CONBAU Nord 2026 blickt – welche Art von Projekten und Akteuren sollte bei den Poster-Pitches vertreten sein?
Um die Relevanz weiter zu steigern, sollten wir 2026 den Fokus noch stärker auf integrierte Lösungen legen. Bei den Akteuren brauchen wir mehr Abstimmung der Pitchenden im Vorhinein, so dass sie aufeinander Bezug nehmen – idealerweise treten Forschung und Praxispartner sogar gemeinsam auf.
Die zentralen Fragestellungen liegen auf der Hand: Welche Lösungen sind aus Sicht der Wissenschaft die passenden? Wie setzen wir Wärmeplanungen in den Kommunen um, trotz Fachkräftemangel und wirtschaftlich unsicherer Zeiten? Und wie finanzieren wir die Transformation in finanzschwachen Kommunen? Themen wie serielles Sanieren, typologisierte Wärme- und Baulösungen und zirkuläre Baustoffe müssen dabei vom Nischenprodukt zum Standard-Pitch werden.
Warum braucht es genau solche Formate – und was macht die CONBAU Nord dafür zu einem geeigneten Rahmen?
Wissen ist in Deutschland reichlich vorhanden, aber die Transferlücke ist oft riesig. Formate wie der Poster-Pitch bauen diese Hürden ab, weil sie menschliche Begegnungen auf Augenhöhe ermöglichen.
Die CONBAU Nord ist dafür der ideale Rahmen, weil sie die gesamte Wertschöpfungskette des Bauens abbildet. Hier trifft die theoretische Effizienzberechnung direkt auf das Handwerk, die Planer und die Genehmigungsbehörde. Das ist genau das Reibungsfeld, auf dem Innovation entsteht.
Dr. Milan Daus ist Koordinator Fokusfeld Gebäude und Wärme bei der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein (EKSH) und moderiert gemeinsam mit Katharina Nitsche die Poster-Pitches auf der CONBAU Nord 2026 am 9. und 10. September in Neumünster.
CONBAU Nord 2026