„Architektur ist nicht nur Schönheit“: Sebastian Fiedler über Haltung, Wärmewende und Umsetzung
„Wir müssen es in die Umsetzung bringen."
Im Gespräch mit Prof. Sebastian Fiedler über Gebäude, Energie und die Frage, warum Menschen reden müssen, damit eine Wärmewende gelingt.
Wenn Sebastian Fiedler erklärt, wofür er brennt, dann beginnt er mit einem Bild: „Wir wohnen in Gebäuden, wir arbeiten in Gebäuden, wir erleben in Gebäuden und Gebäude prägen unsere Umwelt." Es klingt fast banal. Aber genau in diesem Alltag liegt die Aufgabe, die ihn antreibt — und für die er Generationen junger Architektinnen und Ingenieure ausbildet. Sein Thema ist der klimaneutrale Gebäudebestand. Nicht in Einzelfragen zerlegt, sondern als System gedacht: Gebäude und Energieinfrastruktur zusammen.
Sebastian Fiedler ist Architekt, Professor und seit knapp vier Jahren Dekan des Fachbereichs Bauwesen an der TH Lübeck. Im Oktober 2026 wird es zehn Jahre her sein, dass er und seine Familie in den Norden gezogen sind. Als eine der drei fachlichen Leitungen der CONBAU Nord verantwortet er den Themenstrang Wärmewende und Energieinfrastruktur. Wir haben mit ihm gesprochen — über seinen Weg, seine Überzeugungen und darüber, warum die CONBAU Nord für ihn keine zufällige Veranstaltung ist, sondern eine logische Konsequenz.
Eine persönliche Deadline: 2045
Es gibt einen Satz, den Sebastian Fiedler im Gespräch fast beiläufig fallen lässt, der aber viel über seinen Antrieb erzählt: „Bis 2045 haben wir auf nationaler Ebene das Ziel, Klimaneutralität zu erreichen. Und bis 2040 in Schleswig-Holstein. Das ist einfach meine aktive Zeit. Da bringe ich mich ein."
Es ist auch eine persönliche Rechnung: 2045 geht er voraussichtlich in Pension. Sein Berufsleben deckt sich also fast exakt mit dem Zeitraum, in dem die Bundesrepublik klimaneutral werden muss. „Das ist meine Generation. Und das ist die Aufgabe, die jetzt ansteht. Das machen wir jetzt." Keine Pose. Eher die nüchterne Feststellung einer Verantwortung.
Was ihm an seiner Position als Professor besonders gefällt: dass das eigene Wirken nicht mit der eigenen Karriere endet. „Allein dadurch, dass man die Studierenden unterstützen kann, ihren Weg zu finden — und ihnen das mitgeben kann, was sie dafür benötigen: Wissen, Methoden, Kompetenzen." Und noch etwas, das er besonders betont: eine eigene Haltung.
Vom Studenten in München zum Systemdenker
Wer verstehen will, warum Sebastian Fiedler heute über Energienetze, Prosumer und Portfoliostrategien spricht, muss zurück nach München. Architekturstudium an der TU München, in einer Zeit, in der ein Professor namens Thomas Herzog das Thema energieeffizientes Bauen prägte. Auch Professor Gerhard Hausladen kam in dieser Zeit nach München — und brachte etwas mit, das den jungen Studenten beeindruckte. „Vor Hausladen waren in den Vorlesungen immer braune und grüne Waschbecken und Toilettenschüsseln zu sehen", erinnert er sich. „Dann kam Hausladen und zeigte Energiekonzepte. Und das war total spannend." Plötzlich ging es nicht mehr um banale Technik- und Geschmacksfragen, sondern um Zusammenhänge — zwischen Energie, Komfort, Funktion und Gestaltung.
Diese Haltung ist Sebastian Fiedler geblieben. Auch dann, wenn er heute mit Studierenden über Architektur spricht, kann er deutlich werden: „Wenn ich höre, 'naja, ich finde es halt schön', dann stellen sich mir zumindest innerlich die Nackenhaare auf. Architektur ist die Gestaltung von vielschichtigen Lebenswelten. Schönheit ist im besten Fall die sichtbare Konsequenz, aber nicht der tiefe Kern der Architektur selbst."
Nach dem Studium führte sein Weg nach Freiburg — in ein Büro, das energieeffizientes Bauen radikal anders dachte. Nicht „dämmen und noch mehr dämmen", sondern Energieeinsparung mit Bauteilen, die mit Transparenz und Masse dynamische Prozesse nutzen und Lüftungskonzepten, die auch Energiegärten einbeziehen. „Da haben wir Energiekonzepte entwickelt und uns gefragt: Was heißt das für die Architektur, was heißt es für die Raumkonzepte und die Fassadengestaltung? Das fand ich total spannend."
Anderthalb Jahre später ging es nach Stuttgart. Ein Forschungsprojekt zum Thema Tageslicht in Innenräumen, eingebettet in ein kleines, dreißigköpfiges Forschungsinstitut, in dem Bauphysiker und Anlagentechniker arbeiteten — und ein Architekt, Sebastian Fiedler. Aus dem Forschungsprojekt wurde Projektentwicklung, aus Projektentwicklung wurde Geschäftsführung. Aus Einzelgebäuden wurden Quartiere.
Solar Decathlon: das Häuschen, das stehen muss
2008 entstand die Idee, sich für den Solar Decathlon zu bewerben — einen internationalen Wettbewerb, in dem Hochschulteams in zwei Jahren ein solarenergiebetriebenes Wohnhaus konzipieren, bauen, abbauen, am Wettbewerbsort wieder aufbauen und unter Wettkampfbedingungen betreiben. „Wir haben uns ein bisschen naiv und blauäugig gesagt: Naja, wir haben ja alles an der Hochschule, das machen wir doch mal." 2010 ging es nach Madrid. Dritter Platz, mit 0,4 Punkten Abstand zum Zweitplatzierten. Teams aus ganz Europa und aus Indien, China, den USA.
Das Projekt öffnete eine Tür: Vertretungsprofessur in Frankfurt, Lehre in energieeffizientem und nachhaltigem Bauen — und ein zweiter Solar Decathlon, diesmal 2012 bis 2014 in Frankreich. Während das Stuttgarter Haus ein „technikgetriebenes Innovationsschmuckkästchen" gewesen sei, ging es in Frankfurt um andere Fragen: Wohnen wird teurer, Wohnraum ist knapp. Die Antwort des Teams: Aufstockung. „Wenn man aufstockt, kann man gleich noch das Bestandsgebäude darunter sanieren und den PV-Strom vom neuen Dach im ganzen Haus nutzen — daraus ergeben sich auch wirtschaftliche und soziale Synergieeffekte." Sozio-ökonomische Themen, die er vorher noch nicht in der Tiefe bearbeitet hatte. Wieder eine neue Schicht.
Parallel arbeitete er seit 2009 bei ee concept in Darmstadt, einer Ausgründung der TU Darmstadt. Energiekonzepte, Nachhaltigkeitszertifizierung — und am Ende der Zeit dort etwas, das ihn nachhaltig prägte: die Frage, wie ein gesamtes Gebäudeportfolio klimaneutral werden kann, zum Beispiel das eines Wohnungsunternehmens mit 42.000. „Dieses Feld, die Portfoliosicht, haben wir dann erschlossen. Wie bekommt man eine große Anzahl an Gebäuden in den Griff? Wie muss sich der Eigentümer strategisch aufstellen und vorgehen?"
Gebäude und Energiesystem zusammen denken
Wenn Sebastian Fiedler heute über seinen fachlichen Standort spricht, klingt das wie eine Treppe, die er Stufe für Stufe gestiegen ist. Vom einzelnen Entwurf zu energieeffizienten Konzepten. Von dort zu Quartieren. Von Quartieren zu Portfolios. Und jetzt — am vorläufigen Ende der Treppe — zu einer Erkenntnis, die er knapp formuliert: „Klimaneutraler Gebäudebestand ohne treibhausgasfreie Energieversorgung funktioniert nicht. Man muss Gebäudebestand und Energieinfrastruktur zusammen denken."
Was nach einer abstrakten Aussage klingt, hat handfeste Folgen. „Früher gab es die großen Kohlekraftwerke. Die Energieversorgung lief in eine Richtung: von den Kraftwerken zu den Verbrauchern. Heute ist es so, dass auch Gebäude ein proaktiver Teil des Systems sind." Prosumer. Flexumer. Begriffe, die in seinem Themenstrang auf der CONBAU Nord eine zentrale Rolle spielen. Jede Planungsentscheidung in einem einzelnen Gebäude wirkt sich aufs Gesamtsystem aus — spätestens bei der Frage: Trägt dieses Gebäude zur Flexibilität bei oder nicht?
Genau das versucht er auch seinen Studierenden zu vermitteln. „Schaut mal her, ihr seid jetzt die, die bei der Planung im einzelnen Gebäude ein Verständnis dafür mitbringen müssen, an welcher Infrastruktur das eigentlich dranhängt. Und dieses Verständnis geht über Technik hinaus und muss auch sozio-ökonomische Aspekte und Wechselwirkungen umfassen."
Warum der Norden — und nicht der Süden
Warum die TH Lübeck? Warum Schleswig-Holstein? Sebastian Fiedler nennt drei Gründe. Der erste ist fachlich: An der TH Lübeck gibt es seit langem den Fachbereich Bauwesen, in dem Architektur, Bauingenieurwesen, Stadtplanung und Gebäudetechnik unter einem Dach versammelt sind. „Das ist eine Spielwiese, da sind schon alle. Ich muss mir die Mitspieler da nicht erst noch suchen."
Der zweite Grund ist strategisch — und sehr norddeutsch: Schleswig-Holstein ist überschaubar. „In Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, wo ich früher unterwegs war, gab es immer zig Akteure, die ähnlich unterwegs waren. Das wurde dann manchmal auch etwas unübersichtlich und hat den Möglichkeitsraum, die Dinge gemeinsam voranzubringen, nicht immer vergrößert." Im Norden ist das anders. „Man kennt sich, man hat regelmäßige Kontaktpunkte, und man redet miteinander und treibt die Dinge gemeinsam voran." Und er sagt einen Satz, der sehr nach Sebastian Fiedler klingt: „Es ist ein Feld, das auch noch zu bestellen ist. Hier wird man schnell integriert und entfaltet auch Wirksamkeit."
Der dritte Grund ist privat. Die ganze Familie hat sich zwar in Frankfurt am Main sehr wohl gefühlt, seine Frau war aber zuvor auch schon einmal ein Jahr in Hamburg. „Wir kannten den Norden also schon ein wenig und konnten uns das als Familie gut vorstellen."
Reden, damit etwas passiert
Aus der Erkenntnis, dass Gebäudebestand und Energieinfrastruktur zusammen gedacht werden müssen, folgt für Sebastian Fiedler eine Konsequenz: Menschen müssen miteinander reden. Akteursgruppen, die in ihrem Alltag selten zusammenkommen, müssen sich begegnen. Auf Augenhöhe, regelmäßig, mit Verbindlichkeit.
„Es ist ja nicht alles in Bücher und Regularien beschrieben — man muss immer miteinander reden. Und vielleicht nicht nur einmal, sondern ein paar Mal, bis man ein Gespür dafür bekommt: Warum machen die das eigentlich so, warum nicht anders." 2019 startete er gemeinsam mit der IHK und der Handwerkskammer in Lübeck eine Community of Practice. Hochschule als „neutraler Grund". „Bei uns können sich alle treffen. Mit uns können alle reden."
Das Format funktionierte besser als gedacht. „Wir dachten, wir machen das mal und schauen. Es war überhaupt nicht klar, ob da wer kommt oder ob sie wiederkommen. Aber 20 bis 25 Leute kamen jedes Mal — aus Wohnungsunternehmen, von Energieversorgern, Kommunen, Bauunternehmungen, Planungsbüros. Wir haben da wohl einen Nerv getroffen, da war durchaus ein Austauschbedarf da."
Aus der Community of Practice ist nun etwas Größeres gewachsen: der Transformationsmonitor Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit Prof. Dietmar Walberg (ARGE) und gefördert durch die EKSH erhebt die TH Lübeck systematisch — quantitativ wie qualitativ — wie es in Schleswig-Holstein um die Wärmewende im Wohngebäudebestand steht. „Das hat Dietmar und mich mindestens eineinhalb Jahre umgetrieben, in denen wir gesagt haben: Eigentlich müssten wir doch mal. Und dann ergab sich letztes Jahr eine Gelegenheit und wir haben gesagt: Das machen wir jetzt." Die ersten Ergebnisse stellt das Team auf der CONBAU Nord 2026 vor — eine Premiere.
Warum es ohne Hochschule nicht geht
Warum braucht es überhaupt solche Formate? Reden Wohnungswirtschaft und Energieversorgung nicht ohnehin miteinander? „Sie reden, ja", räumt Sebastian Fiedler ein. „Aber meistens bilateral. Und meistens anlassbezogen — etwa beim Wärmenetzausbau." Was fehlt, ist der Raum, in dem alle Akteursgruppen gleichzeitig zusammenkommen. „Das ist der Schritt mehr, den wir anbieten." Weil in solchen Konstellationen auch Pain Points auftauchen, die in bilateralen Gesprächen nicht sichtbar würden — etwa wenn zwei Akteure eine Lösung für sich finden, ohne dass sie merken, dass ein dritter sie tragen muss.
Genau hier sieht Sebastian Fiedler die Rolle der Hochschule. Nicht nur als Wissenschaft. Sondern als Beschleuniger der Praxis. „Wir haben ja nicht mehr 150 Jahre Zeit, irgendetwas zu entwickeln. Wir müssen die Sachen jetzt wirklich umgesetzt bekommen. Und das können wir leisten. Das ist der Mehrwert, den wir einbringen können — weil wir die sind, die sich darum kümmern."
Die CONBAU Nord als logische Konsequenz
Aus der Zusammenarbeit zwischen TH Lübeck und ARGE auf der NordBau wuchs der Impuls, mehr zu machen als nur Messeauftritte. „Wir sind als Fachbereich Bauwesen sehr verbunden mit der NordBau, schon über mehr als ein Jahrzehnt, mittlerweile mit über 400 Quadratmetern bespielter Standfläche", erzählt Sebastian Fiedler. Und die Honorarprofessur von Dietmar Walberg an der TH Lübeck stärkte auch die Verbindung zur ARGE. „Deswegen ist der Impuls auch auf sehr fruchtbaren Boden gefallen: Wie wäre es denn, wenn wir auch mal einen Kongress machen?"
Es sollte kein klassischer Wissenschaftskongress werden. „Sondern wirklich auch wieder dieser Gedanke: Wir müssen es in die Umsetzung bringen und uns akteursgruppenübergreifend austauschen und voneinander wissen, damit wir es in die Umsetzung bringen. Das ist der Grundgedanke bei der CONBAU Nord." Ein Kongress als Plattform für Wirkung.
Mit der Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH) war dann früh auch noch ein dritter Partner an Bord - einer, der die Förderseite mitdenkt. „Damit hatten wir von Anfang an alle am Tisch, die es braucht", sagt Fiedler.
Was die Teilnehmer mitnehmen sollen
Auf die Frage, was er sich für die Teilnehmer wünscht, antwortet Sebastian Fiedler so, wie er die Wärmewende denkt — als etwas, das nicht abgehoben sein darf, sondern alltagstauglich. „Im Idealfall gehen sie raus und sagen: Ah super, ich habe ein paar spannende Ansätze gehört und interessante Leute kennengelernt — und habe das Gefühl: Ist doch gar nicht so schwer, das kriegen wir schon hin, die Wärmewende."
Wichtig ist ihm aber noch etwas anderes: Wirkung über die Veranstaltung hinaus. „Dass sie nicht nur mit dem Gefühl nach Hause gehen, sondern auch eine Woche später, zwei Wochen später, wann immer sie es brauchen, daran denken: Ach ja — das war doch so und so, das probieren wir jetzt aus. Oder: Den rufe ich jetzt mal an." Nicht „nett und interessant", sondern „eine Wirkung im Sinne von: Ich habe etwas mitgenommen, was mich selbst unterstützt, um als Akteur die Wärmewende im Gebäudebestand weiter voranzutreiben."
Eine Frage der Haltung
Wer Sebastian Fiedler länger zuhört, merkt: Sein Werdegang ist keine Aneinanderreihung von Karriere-Stationen, sondern eine kontinuierliche Erweiterung des Blickwinkels. Vom Entwurf zur Energie. Von der Energie zum Quartier. Vom Quartier zum Portfolio. Vom Portfolio zum System. Und immer in der Überzeugung, dass Komplexität nicht das Problem ist, sondern der Beginn. „Gerne auch komplex — das ist nicht das Problem. Aber dann fängt es eben an, Spaß zu machen."
Die CONBAU Nord ist für ihn die logische Konsequenz dieser Linie. Ein Ort, an dem die Akteure zusammenkommen, die sonst zu selten miteinander reden. Ein Ort, an dem es nicht um Vorträge geht, sondern um den Austausch und um das was daraus entsteht. Ein Ort, an dem nach den zwei Tagen ein Telefonanruf bleibt, der etwas in Bewegung setzt.
„Wir müssen es in die Umsetzung bringen." Es ist der Satz, der den Gedanken auf den Punkt bringt. Und der den Kongress beschreibt, den Sebastian Fiedler mit seinen Kollegen Dietmar Walberg und Jörg Bierbass im September fachlich verantworten wird.
CONBAU Nord 2026 — 9. und 10. September, Congress Center Neumünster. Themenstrang Wärmewende und Energieinfrastruktur: fachliche Leitung Prof. Sebastian Fiedler, TH Lübeck. Programm und Anmeldung: conbau-nord.de/de/programm26
CONBAU Nord 2026